Die gut besuchte Veranstaltung fand im Saal Taphorn in Cloppenburg statt.

Im Rahmen des Formats „reden wir drüber“ führte der CDU-Kreisverband Cloppenburg im Saal Taphorn eine öffentliche Podiumsdiskussion durch, um zu beleuchten, was für eine gute Kita-Betreuung wichtig ist, wo Probleme und Risiken liegen können, was neuste wissenschaftliche Erkenntnisse sagen sowie was Politik tun kann bzw. tun muss, um ein gutes und gesundes Aufwachsen von Kindern bestmöglich zu unterstützen. Experten bzw. Expertinnen fanden sich aber nicht nur auf dem Podium, sondern vor allem im Publikum. Der Einladung zur Veranstaltung, die unter dem Titel „Chancen und Risiken der frühkindlichen Kita-Betreuung“ stattfand, waren rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefolgt.

Die Begrüßung erfolgte durch den stellvertretenden CDU-Kreisvorsitzenden Hermann Schröer, der zunächst über das jahrzehntelange familienpolitische Engagement des Kreisverbandes berichtete. Im Anschluss gaben die beiden Referentinnen Dr. Erika Butzmann, Entwicklungspsychologin und Erziehungswissenschaftlerin aus Wildeshausen, sowie Professorin Anke König von der Universität Vechta den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit kurzen Impulsvorträgen eine Einführung ins Thema.

Die Familienpolitik des letzten 15 Jahre habe sich fast ausschließlich an den Bedürfnissen der Erwachsenen orientiert, so die Entwicklungspsychologin Dr. Erika Butzmann. Die frühe Krippenbetreuung wirke sich nur positiv auf Kinder aus nicht-funktionierenden Familien aus – für alle anderen gäbe es keine Vorteile, so die Kernbotschaft der Wildeshausenerin, die seit 30 Jahren in der Elternbildung und Beratung arbeitet. Einer besonderen Belastungsgefahr seien Kinder im Alter von 1 ½ bis 2 Jahren ausgesetzt. Rund 20 Prozent eines Jahrgangs seien für eine Betreuung im Krippenalter nicht geeignet.

Diese Aussage konnte Anke König, die eine Professur für Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Frühpädagogik an der Universität Vechta innehat, nicht unwidersprochen stehen lassen. Sie bezeichnete diese Zahlen im Verlauf der Veranstaltung als nicht valide und wies darauf hin, dass sich Kinder nicht in Normkurven bewegen würden. Darüber hinaus stellte die Professorin mit aktuellen Zahlen dar, dass es bei der Diskussion um die Krippenbetreuung fast ausschließlich um Kinder ginge, die sich im zweiten und dritten Lebensjahr befinden würden. Die aktuelle Betreuungsquote der unter einjährigen befinde sich bei weniger als einem Prozent. Bei der Gesamtbetreuungsquote im U3-Bereich liege der Landkreis Cloppenburg mit ca. 28,5 Prozent nur leicht unter dem Wert für Niedersachsen von 31 Prozent.

Die zentrale Botschaft der Hochschullehrerin: „Die Betreuungssituation der Kinder ist in der Regel durch einen Betreuungsmix gekennzeichnet. Betreuung passiert eben nicht nur in der Kita, sondern auch beispielsweise durch Großeltern, Kindermädchen oder Freunde.“ Aber auch sie sehe, dass die Krippenbetreuung nicht ausnahmslos für alle Kinder immer das Beste sei. An dieser Stelle gebe es auch andere Angebote, wie beispielsweise die Kindertagespflege. Dennoch: Kindertageseinrichtungen seien Knotenpunkte des sozialen Wandels. Sie sind heute lebenswerte Bildungsorte für junge Kinder, wenn sie dort soziale Eingebundenheit erleben und aktiv ihre Umwelt erkunden können. Dazu brauche es aber Einrichtungen mit hoher Qualität. Aus Sicht von Professorin Anke König bedürfe es dafür wiederum eines guten Supportes beispielsweise über Fachberatungen sowie des verstärkten Einsatzes multiprofessioneller Teams, die aufgrund ihrer verschiedenen beruflichen Hintergründe und Blickwinkel noch einmal ganz anders auf die Kinder eingehen können. An dieser Stelle sei der Akademisierungsdiskurs in Niedersachsen bisher vernachlässigt worden.

Nach den Impulsvorträgen schaltete sich auch die Bundestagsabgeordnete Silvia Breher, in ihrer neuen Funktion im Deutschen Bundestag auch familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in die Diskussion ein: „Sie sind die Schätze unserer Kinder und Ihnen gebührt mein unglaublicher Respekt“, so drückte Silvia Breher zunächst ihre Wertschätzung gegenüber den zahlreichen Erzieherinnen und Kita-Fachkräfte im Publikum aus. Insbesondere beim Betreuungsschlüssel und der Erzieherausbildung sei ganz viel Luft nach oben. Ihr sei es wichtig, zu betonen, dass es keine Verpflichtung gebe und geben dürfe, zu welchen Zeitpunkt Eltern ihre Kinder in die Kita bzw. Krippe geben. Dies sei die individuelle Entscheidung einer jeden Familie und für jedes Kind anders. Das Kinderwohl und die Bedarfe des Kindes müssten im Mittelpunkt stehen.

Bei der Diskussion um das Thema Qualität machte die Bundestagsabgeordnete aus Lindern deutlich, dass es das bundespolitische Ziel des Gute-Kita-Gesetzes sein müsse, die „Seele der Kita“ zu stärken – also alles das, was innerhalb der Kita im Hinblick auf die Betreuungsqualität passiert. Aufgrund der Länderfinanzhoheit im Bildungsbereich, war es aber bei der Konstruktion des Gesetzes rechtlich nicht möglich, den Bundesländern vorzuschreiben, was sie mit dem Geld machen sollen – beispielsweise die Kopplung an feste Qualitätsstandards, um zu verhindern, dass die Bundesmittel ausschließlich in die Beitragsfreiheit wie in Mecklenburg-Vorpommern fließen. Zum Ende des Jahres laufe das Gesetz jedoch aus und in den Eckwerten der Ampel-Koalition zum Bundeshaushalt 2023 fänden sich keine neuen Gelder. Das sei inakzeptabel. Länder und Kommunen sowie nicht zuletzt alle in diesem Bereich Engagierten bräuchten aufgrund der massiven Kosten schnellstmöglich Planungssicherheit, um weiterhin gemeinsam für eine qualitativ hochwertige frühkindliche Betreuung und Bildung zu sorgen.

Die vierte Referentin im Bunde war Barbara Carmichael-Eilers, die als Kitaleiterin in Friesoythe und Referentin beim Bildungswerk Cloppenburg und Friesoythe tätig ist. Sie berichtete aus der Kita-Praxis von Fällen, in denen das Kind noch nicht für eine Krippenbetreuung geeignet war und die Eingewöhnung im intensiven Dialog mit den Eltern erst einmal pausiert worden sei. Hier müsse es ganz klar um das Kind gehen. „Manchmal hilft schon eine kleine Pause“, verriet die Erzieherin. Vor allem brauche man kleinere Gruppen, so die Forderung von Barbara Carmichael-Eilers an die Verantwortlichen in Bund und Land.

Zuspruch bekam Barbara Carmichael-Eilers aus dem Publikum, in dem sich viele Kita-Leiterinnen und Fachkräfte befanden, die ebenfalls ihre Expertise einbrachten. „Wir geben Kindern Flügel und geben ihnen die notwendige Zeit, um bei uns anzukommen. Wir schauen immer genau darauf, dass das Kind für die Krippe bereit ist“, so eine andere Kita-Leiterin.

Nach einer intensiven Diskussion, in der auch zur Sprache kam, dass wirtschaftliche Zwänge bei der Auswahl des Betreuungszeitpunkts eine große Rolle spielen sowie die Fachkräfteausbildung an den Berufsschulen gestärkt werden müsse, schloss Hermann Schröer die Veranstaltung. Die vier Referentinnen erhielten als Dank einen kleinen Blumenstrauß. „Wir werden viel aus dieser Veranstaltung mitnehmen“, bedankte sich eine Teilnehmerin abschließend.

UPDATE: Der CDU-Kreisverband hat aus der Veranstaltung bereits erste inhaltliche Konsequenzen gezogen und einen Sachantrag zum Gute-Kita-Gesetz auf dem Landesparteitag der CDU in Niedersachsen eingebracht (vgl. Anlage).
CDU KV CLP Sachantrag Gute-Kita-Gesetz